Über Krieg und Rassismus

Wir müssen reden – über Krieg und den Rassismus, den er fast immer mit sich bringt. Aktuell häufen sich die Meldungen über rassistische Anfeindungen gegen russischstämmige Menschen in Deutschland. Häufig in Kombination mit einer militarisierenden und heroisierenden Sprache, die ich bisher nur aus Geschichtsbüchern kannte. Alte Feindbilder werden erneut heraufbeschworen. Da wird die Scheibe eines russischen Lebensmittelmarktes eingeschlagen, russische Gäste aus einem Restaurant verwiesen oder russischsprachige Literatur boykottiert. Das sind nur einige wenige Beispiele dessen, was viele russischstämmige Menschen in Deutschland aktuell an Ausgrenzung erfahren. Das ist stigmatisierend und traumatisierend für die Erwachsenen und noch schlimmer ist es für von diesem Rassismus betroffene Kinder in der Schule. Plötzlich sind sie nicht mehr einfach nur Klassenkamerad*innen. Sie sind Putin, sie sind „die Russen“ – kurz um: Sie sind der Feind, das Böse, gehöre nicht mehr dazu. Das dürfen wir nicht zulassen. 

Zwischen Russland und der Ukraine herrscht Krieg. Putin hat seinem direkten Nachbarland diesen Krieg aufgezwungen, ist einfach einmarschiert, weil er glaubt, dass dies sein gutes Recht ist. Weil er angeblich den „Nazismus im der Ukraine“ bekämpfen will. Ein Nazismus, mit einem jüdischen Präsidenten an der Spitze. Gewisse Dinge sind an Zynismus eben nicht zu überbieten. Er überzieht ein ganzes Land mit Leid, Tod, Flucht. Reißt Familien auseinander – Männer im wehrfähigen Alter dürfen das Land nicht verlassen, verteidigen es, während Frauen und Kinder sich auf eine ungewisse Flucht begeben müssen. Weg von Zuhause. Weg von Familienmitgliedern, die keine Möglichkeit haben, zu fliehen, weil sie zu alt oder zu krank sind oder die einfach nicht bereit sind, ihre Heimat zu verlassen, all ihre Hoffnungen und alles zurück zu lassen, was sie sich hart erarbeitet haben.Blick über eine Menschenmenge bei einer Demo gegen den Krieg in der Ukraine

Was unterscheidet diesen Krieg von den vielen Anderen, die wir kennen und kannten? Eigentlich nichts. Und doch markiert dieser Krieg für uns Europäerinnen und Europäer eine Zeitenwende. Fast 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist der Krieg zurück in Europa. Das ist der Grund, warum uns ausgerechnet dieser Krieg so fassungslos macht. Wir in Europa glaubten lange, dass wir anders sind als andere Gegenden dieser Erde. Das wird besser sind, fortschrittlicher. Ich bin in diesem Europa aufgewachsen, in Zeiten des Friedens. Als Historikerin habe ich das nie als selbstverständlich angesehen. Und doch hat es auch mich aus der Bahn geworfen, hat das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit zerspringen lassen, wie ganz dünnes Glas. Auch in Europa vergisst man leider schnell, wie zerbrechlich gerade das vermeintlich Selbstverständliche sein kann. 

Auch in diesem Krieg ist es so, wie in den meisten Kriegen: Es fällt immer leicht, gleich die vermeintlich „böse“ Seite auszumachen. Die eine Seite, die an allem Schuld ist. Ein großes Kollektiv anzunehmen, von dem jeder und jede Einzelne nur im Sinn hat, die Gegenseite zu vernichten. Eine äußerst einfache und bequeme Weltsicht.

In diesen Tagen kommen Tausende Menschen zu uns nach Deutschland, die aus dem Kriegsgebiet geflohen sind. Sie suchen hier Zuflucht, Schutz und hoffen doch, bald wieder in die Heimat zurückkehren zu können. Bis dahin, da bin ich mir leider sicher, wird es noch eine ganze Weile dauern. Vermutlich viele Jahre. Daher ist es gerade jetzt wichtig, miteinander und nicht übereinander zu sprechen – in der Schule, im Verein, auf der Arbeit, auf der Straße. Egal, woher wir kommen und wo unsere Wurzeln sind – lasst uns in jedem Menschen zunächst einmal das sehen, was er oder sie ist: Ein Mensch. Kein Deutscher, keine Ukrainerin, kein Russe oder russischstämmiger Deutscher, der sich ab jetzt ständig für die Politik „seines“ Präsidenten Putin, rechtfertigen müsste – obwohl seine eigene Schwester, Mutter, Vater oder Ehefrau vielleicht gerade in Russland inhaftiert sind, weil sie es gewagt haben, offen auf der Straße gegen den Krieg und Putin zu protestieren. 

Ich bin Olaf Scholz sehr dankbar, dass er diesen Krieg als das bezeichnet hat, was er ist: Putins Krieg! Nicht der Krieg der Russinnen und Russen oder gar ganz Russlands. Das mag nach Haarspalterei klingen, ist es aber nicht. Es ist sogar verdammt wichtig, sich das immer wieder zu vergegenwärtigen. Wir brauchen keine neuen alten Feindbilder. Die führen nur selten zum Frieden, sondern in der Regel zur weiteren Eskalation. Vielleicht sogar zum Weltkrieg.

Lasst uns hier in Deutschland und in Europa zusammenhalten. Zum ersten Mal scheint das seit der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 zu gelingen. Dass eine Verteilung von Geflüchteten nun möglich ist, hat – und das darf an dieser Stelle nicht verschwiegen werden – aber leider auch rassistische Gründe, denn: Die meisten von ihnen sind weiß! Dafür sprechen auch Berichte, von schwarzen Menschen aus der Ukraine, denen zunächst der Grenzübergang verwehrt worden sein soll. Die Berichte können bisher nicht verifiziert werden, alleine vorstellen kann man es sich aber leider schon. All das sollten wir immer mit bedenken, wenn wir uns aktuell auch gerne selbst loben. 

Die aktuelle Situation scheint sich immerhin langsam aufzulösen, wie man hört. Ich hoffe es zumindest. Ich hoffe, dass wir heute besser sind als wir es 2015 waren.

Quellen: 

https://taz.de/Antislawischer-Rassismus-in-Deutschland/!5839427/

https://www.migazin.de/2022/03/07/solidaritaet-ukrainern-migrationsforscherin-rassismus-russen/

https://www.migazin.de/2022/03/04/ausgrenzung-jetzt-also-die-russen/

https://www.piqd.de/europa-eu/osteuropaer-innen-der-blinde-fleck-im-antirassistischen-diskurs

https://www.tagesschau.de/faktenfinder/ukraine-rassismusvorwurf-101.html

https://www.tagesschau.de/investigativ/report-mainz/ukraine-russland-auswirkungen-101.html